Bis zu einem soliden Alltagsniveau, also B1, brauchen die meisten Erwachsenen grob 350 bis 400 Stunden angeleitetes Lernen, dazu kommt Übung auf eigene Faust. Bei einer halben Stunde am Tag sind das rund zwei Jahre, bei einer Stunde am Tag ungefähr eines. Für B2, die Stufe aus den Stellenanzeigen, rechnest du mit 500 bis 600 Stunden.
Das ist die ehrliche Antwort auf die Frage, wie lange es dauert, eine Sprache zu lernen. Sie ist weniger aufregend als „fließend in 30 Tagen“, dafür stimmt sie ungefähr. Ignorier alle, die dir fließendes Spanisch in einem Monat versprechen. Wie weit die Zahlen für dich danebenliegen, hängt davon ab, welche Stufe du anstrebst, welche Sprache es ist und wie du lernst.
Wie lange dauert es, eine Sprache zu lernen? Die Stunden pro Stufe
Die bekanntesten Richtwerte stammen von Cambridge English. Sie geben an, wie viele Stunden angeleitetes Lernen, also Unterricht mit Lehrkraft oder in einem Kurs, man ungefähr braucht, um eine GER-Stufe zu erreichen, gezählt ab null. Gedacht sind sie für Englisch. Als Größenordnung taugen sie auch für andere Sprachen, die vom Deutschen nicht allzu weit entfernt sind.
| GER-Stufe | Stunden insgesamt (ca.) | Bei 30 Minuten täglich | Bei 1 Stunde täglich |
|---|---|---|---|
| A1 | 90–100 | etwa 6 Monate | etwa 3 Monate |
| A2 | 180–200 | etwa 1 Jahr | 6–7 Monate |
| B1 | 350–400 | etwa 2 Jahre | etwa 1 Jahr |
| B2 | 500–600 | etwa 3 Jahre | etwa 1,5 Jahre |
| C1 | 700–800 | etwa 4 Jahre | etwa 2 Jahre |
| C2 | 1.000–1.200 | 5,5–6,5 Jahre | etwa 3 Jahre |
Zwei Dinge musst du dazudenken. Cambridge rechnet mit Unterrichtsstunden und geht davon aus, dass Selbststudium dazukommt. Und die Tabelle zählt nur Tage, an denen du wirklich lernst. Wer jeden Sommer sechs Wochen pausiert, schiebt das Ziel nach hinten und vergisst nebenbei einiges.
Auffällig ist die Form der Kurve. A1 schaffst du in einem Vierteljahr, für den Schritt von B2 nach C1 allein brauchst du noch einmal rund 200 Stunden. Die Stufen werden nach oben breiter, weil du immer mehr Wörter lernen musst, die immer seltener vorkommen. Ein Wort wie „Tisch“ begegnet dir täglich, ein Wort wie „Vorbehalt“ vielleicht einmal im Monat.
Warum Niederländisch schneller geht als Japanisch
Die zweite große Stellschraube ist die Sprache selbst. Das Foreign Service Institute, die Sprachschule des US-Außenministeriums, sortiert Sprachen danach, wie lange englische Muttersprachler bis zu einem beruflich brauchbaren Niveau brauchen. Spanisch, Italienisch, Französisch, Niederländisch, Schwedisch und Norwegisch stehen in der leichtesten Gruppe mit etwa 552 bis 690 Unterrichtsstunden. Arabisch, Chinesisch, Japanisch und Koreanisch stehen in der schwersten mit rund 2.200 Stunden, also mehr als dem Dreifachen. Gemeint ist Vollzeitunterricht in kleinen Gruppen mit täglichen Hausaufgaben, kein gemütlicher Abendkurs. Deutsch gilt dort übrigens als mittelschwer.
Für deutsche Muttersprachler gibt es keine vergleichbare offizielle Liste. Die Logik lässt sich aber übertragen: Je mehr Wortschatz, Grammatik und Laute du schon mitbringst, desto schneller geht es. Grob sortiert sieht das für dich so aus, als Einschätzung und nicht als Messung:
- Schnell: Niederländisch, Afrikaans, Norwegisch, Schwedisch und Dänisch, solange du die dänische Aussprache ausklammerst. Englisch sowieso, das kannst du ja schon halb.
- Mittel: Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und Französisch. Die Aussprache macht dir bei Spanisch und Italienisch wenig Ärger, bei Französisch schon eher.
- Langsamer: Polnisch, Tschechisch, Russisch, Griechisch, Türkisch, Finnisch und Ungarisch. Bei den slawischen Sprachen hilft immerhin, dass du Fälle aus dem Deutschen kennst.
- Langsam: Arabisch, Chinesisch, Japanisch und Koreanisch. Neue Schrift, kaum vertraute Wörter, im Chinesischen zusätzlich Töne.
Warum gerade die erste Gruppe so gut funktioniert, erklärt der Artikel über die leichtesten Sprachen für Deutsche.
Wie lange dauert es, eine Sprache fließend zu sprechen?
„Fließend“ kommt im GER nicht vor, und jeder meint damit etwas anderes. Meistens ist gemeint: Ich kann mich unterhalten, ohne ständig nach Wörtern zu suchen, und verstehe auch schnelle Gespräche. Das entspricht etwa B2 bis C1, nach den Werten oben also 500 bis 800 Stunden.
Dass Stunden allein nicht reichen, weiß fast jeder aus eigener Erfahrung: Englisch in der Schule. Acht, neun Jahre lang mehrere Wochenstunden ergeben grob gerechnet um die tausend Schulstunden. Die Bildungsstandards zielen zum Abitur auf B2, und trotzdem fühlen sich viele danach alles andere als fließend. In einer Klasse mit 28 Leuten bleiben pro Kopf und Schulstunde keine zwei Minuten Sprechzeit, selbst wenn die Lehrkraft nie den Mund aufmacht. Stunden im Klassenzimmer sind etwas anderes als Stunden, in denen du die Sprache selbst benutzt.



